„In Mongkok braust das Leben, und ich bin mit meinem Piano mittendrin. Mongkok ist ein Stadtteil von Hongkong und einer der am dichtesten besiedelten Flecken auf der ganzen Welt: 130.000 Einwohner auf jeden einzelnen Quadratkilometer. Wahnsinn! Dem entsprechend geht hier die Post ab, und es ist laut, unglaublich laut, und ich schwimme in dem Gewühl mit meinem Piano und meiner Musik, die so sensibel und ruhig ist, um die Leute zu beruhigen, was auch meistens recht schnell klappt. Hongkong relax! Es ist eine paradoxe Situation.

 

Obwohl die Stadt so riesig ist, ist es nicht einfach, einen Platz zum Spielen zu finden. Seit 17. März bin ich hier, und ich muss immer wieder von meinem Hotel aus, wo auch mein Piano wohnt, weite Wege zurücklegen, um einen Spiel-Platz zu finden. Oft ist auf den Straßen kaum ein Durchkommen möglich, aber die Menschen hier sind freundlich und trotz aller Hektik rücksichtsvoll, hilfsbereit und entgegenkommend. Also schiebe ich mein geliebtes Piano durch die wogende Menschenmenge, um irgendwann an einer geeigneten Stelle loszulegen.

 

Dann geht es in der Regel schnell: Die Leute mit meiner Musik in den Bann zu ziehen, funktioniert teilweise sehr gut. Viele machen mir Komplimente und sagen, dass ihnen gefällt, was ich mache. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen meine Hingabe spüren. Mein Leben ist eine Reise, die Musik meine Leidenschaft. Reihenweise bleiben Passanten stehen und machen Selfies mit mir. Ein Passant hat eine Zeichnung von mir und meinem Instrument angefertigt, und neulich bin ich sogar einem Mann begegnet, der mich 2013 in Dresden am Piano erlebt hat.

 

Ich spiele nicht immer in der selben Gegend. Manchmal suche ich mir Auftrittsorte auf der Insel in Central am Pier oder auf verschiedenen Orten auf dem Festland. Natürlich muss ich mein Piano dann jedes Mal irgendwie transportierten, aber mit einem der „gogovan“ genannten Kleintransporter geht das ganz gut. Im Zweifelsfall heißt es einfach: Wer sein Piano liebt, der schiebt. Etwas größer als eine Blockflöte ist das Ding natürlich schon…

 

Piano across the world: Ohne Freunde würde das alles nicht funktionieren. Die Konstruktion meines Instruments hat hunderte Stunden Arbeit erfordert und die Hilfe von Piano-Freunden und verschiedenen Sound-Technikern und anderen Helfern. Um so etwas hinzukriegen, musst du herumfahren, Firmen besuchen, Soundtests machen, dich mit anderen austauschen, viel eigene Kreativität reinhängen. Es ging mir darum, das Teil so leicht wie möglich zu machen, um es möglichst einfach befördern zu können. Im Großen und Ganzen hat es geklappt. Heute, bei bis zu 28 Grad Wärme im Gewühl von Hongkong, ist mir aufgefallen, dass ich manches vielleicht doch hätte anders machen können oder sollen. Aber jetzt spiele ich erst einmal auf meinem ‚Weltpiano‘, und wenn es so kommt, wie es sich im Augenblick abzeichnet, dann bin ich bald nicht mehr (nur) hier, sondern mitten in China. Das wird eine ganz andere Herausforderung. Ein Freund aus Hongkong Daniel Wong will mir dabei helfen.

 

Natürlich ist hier nicht alles immer eitel Sonnenschein. Es kommt vor, dass Polizei vorbeikommt, weil es angeblich Beschwerden gegeben habe. Man darf auch nicht überall den Hut hinstellen. Dann heißt es, es sei verboten, Musik zu machen und dafür von den Passanten Geld zu bekommen. Musik ja, aber kein Geld sammeln. Verrückt! In Deutschland habe ich so etwas nie erlebt. Aber mit solchen Dingen muss man leben. Es sind auch Ausnahmen. Gespannt bin ich auf das, was sich weiter entwickelt. Inzwischen sind verschiedene Medien auf mich aufmerksam geworden. Die ‚Asia Times‘ will ein Interview mit mir machen, und der ‚Apple Daily‘ hat mich einen Tag lang mit der Kamera begleitet. Das ist alles sehr spannend. Zum ersten Mal bin ich in Hongkong – und bald vielleicht sogar in China. Wenn das keine Musik ist!“